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Die Reise eines „Geschenk mit Herz“

von Jasmin Eigemann, 23.12.2014

Mein Name ist Lucy. Ich bin ein einfacher Schuhkarton Größe 39. Mit vielen weiteren Schuhkartons verschiedener Farben und Größen stehe ich im Regal eines Schuhgeschäfts in der Bayreuther Innenstadt. Mein ganzer Stolz sind ein paar glänzende, weiße Turnschuhe für Frauen, die in mir liegen. Schon oft habe ich mich gefragt, wer meine schönen Schuhe kaufen und tragen wird?

Eines Tages kommt Karin mit ihrem etwa neunjährigen Sohn Robert in unseren Laden. Sie gefällt mir auf den ersten Blick und kauft tatsächlich mein paar Schuhe und besteht darauf auch mich mitzunehmen.

Bald fühlte ich mich ohne meine Turnschuhe leer und fragte mich, was nun mit mir passieren würde. Würde ich noch einmal neue Schuhe beherbergen oder hatte ich mich in meinen neuen Besitzern getäuscht und werde weggeworfen?

Stellt euch meine Verwunderung vor, als ich eines schönen Nachmittags im November von Karin aus dem Schrank genommen werde, in dem ich seit dem Schuhkauf untergebracht war. Auf dem Küchentisch wurde ich in buntes Papier gewickelt.

Mit viel Eifer beklebte Robert mit Hilfe seiner Mutter zunächst die Kiste und dann meinen Deckel. „Es ist ganz wichtig, dass wir den Deckel später noch abnehmen können.“ meint Karin.

Ich werde ein „Geschenk mit Herz“

Nun erfuhr ich, weshalb ich so hergerichtet wurde. Ich sollte als „Geschenk mit Herz“ einem kleinen Jungen zwischen neun und zwölf Jahren eine Freude machen. „In Osteuropa bekommen Kinder nicht so schöne neue Spielsachen wie du zu Weihnachten geschenkt.“, erklärt Karin Robert. „Viele haben noch nie etwas zu Weihnachten bekommen, weil ihre Eltern so arm sind.“

Robert lacht freudestrahlend „Also wollen wir ihnen in diesem Jahr eine große Freude bereiten und packen ein Geschenkpäckchen mit allerlei nützlichen Sachen!“. Karin nickt und die beiden machen sich daran lauter schöne Sachen in mich hinein zu packen.

Vieles steht in einem auf dem Tisch ausgebreiteten Flyer: Duschgel, Zahnbürste und Zahnpasta, ein Federmäppchen gefüllt mit Stiften, passend dazu ein Schreibheft, ein T-Shirt, Mütze, Schal und Handschuhe, auch ein Kuschelbär darf nicht fehlen, leckere Bonbons, Schokolade und Gummibärchen und tolle Dinosaurierfiguren, die Robert etwas sehnsüchtig anschaut. Doch die sind für einen anderen Jungen bestimmt, wie der auf meinen Deckel geklebte Coupon zeigt.

Zum Schluss legen die beiden noch ein Foto von sich hinein, damit der kleine Junge erfährt, wer für ihn so liebevoll gepackt hat. Noch meinen Deckel draufgepackt und zwei dicke Gummis um mich rum, damit auch ja nichts herausfallen kann. Nun bin ich ein waschechtes „Geschenk mit Herz“! Doch wie komme ich jetzt nach Osteuropa?

314 Kilometer quer durch Bayern

Am nächsten Morgen nahm mich Robert mit in seine fünf Kilometer entfernt liegende Schule und präsentierte mich stolz seinen Klassenkameraden. Auch sie hatten ein „Geschenk mit Herz“ gepackt und stapelten mich mit den anderen in einer Ecke der Schuleingangshalle.

Dort standen wir für ein paar Tage und fragten uns, wie wir denn zu den Kindern kommen sollten. Jedes einzelne Paket war begeistert über sein zweites Leben als Geschenk und wollte so schnell wie möglich „sein“ Kind erreichen.

Doch zuerst müssen wir alle nach Kaufbeuren im Allgäu zum Weihnachtspäckchenlager. Zwei nette Herren in roten Westen kamen in die Schule. Glücklich hielten uns die Kinder noch ein letztes Mal für ein Foto in die Höhe, dann brachte mich Robert eigenhändig zum LKW, wo mich einer der Herren sicher verstaut.

Von Bayreuth aus geht es knapp 314 Kilometer quer durch Bayern nach Kaufbeuren, genauer gesagt in den Stadtteil Neugablonz. In der Goldstraße acht liegt die Hauptzentrale mit Lager von humedica, einer Organisation, die weltweit Menschen in Notsituationen hilft.

Um armen Kindern zur Weihnachtszeit Freude und Hoffnung zu bereiten, haben sie im Jahr 2003 die Aktion „Geschenk mit Herz“ ins Leben gerufen. Jetzt, elf Jahre später, bin auch ich ein kleiner und doch wichtiger Bestandteil der Weihnachtsaktion.

Im Weihnachtspäckchenlager angekommen, werden ich und mein Inhalt auf einem Tisch von einer netten Dame noch kontrolliert. Mit mir ist alles in Ordnung und ich werde direkt auf eine Bank gelegt.

Von dort geht es für mich wieder in einen großen Karton weiter, in dem nur Päckchen für Jungen im Alter von neun bis zwölf Jahren gesammelt werden. Päckchen für Jungen in der Altersklasse gibt es nicht so viele und so dauert es für uns auch etwas länger, bis der große Karton voll ist, in den immerhin 88 Päckchen hineinpassen. Zugeklebt und nummeriert werden wir auf einen LKW geladen und ab geht die Fahrt.

Nach knapp 1.500 Kilometern endlich in Osteuropa

1.500 Kilometer und fast einen ganzen Tag später sind wir endlich an unserem Ziel angekommen, in der ostukrainischen Stadt Lutsk. Zum Glück kann ich nicht frieren, denn es ist deutlich kälter als in Deutschland und unsere Verlader sind in dicke Jacken gehüllt.

Wir wurden erwartet, eine Gruppe Menschen schaut uns beim Ausladen fröhlich zu. Es sind Mitarbeiter der Partnerorganisation von humedica, die hier vor Ort in der Ukraine uns alle zu den Kindern bringen.

Ich bin richtig aufgeregt, als mich ein Mann vorsichtig mit vielen anderen Päckchen in einen Autobus packt. Bald ist es soweit, ich treffe den Jungen, für den ich gedacht war. Wie er wohl sein wird?

Vor einem großen, mehrstöckigen, grauen Gebäude halten wir an, ein Kinderkrankenhaus. Es ist das einzige Krankenhaus seiner Art in der gesamten Region und verantwortlich für mehrere tausend Kinder.

In einem großen, weihnachtlich geschmückten Zimmer warten schon viele Kinder. Von Kleinkindern bis zwölfjährigen Mädchen freuen sich alle schon auf ihr persönliches Weihnachtsgeschenk. Ein Segen in dem, wie mir scheint, eher trostlosen Klinikgebäude.

Sie singen gemeinsam Weihnachtslieder, dann ist der große Moment gekommen. Jedes Kind erhält ein Geschenkpaket. Auch ich lande schließlich bei meinem Jungen. Er heißt Lukas und ist zwölf Jahre alt.

Sich lohnende 1.817 Kilometer

Lukas freut sich über sein „Geschenk mit Herz“. Foto: humedica

Mit großen Augen schiebt er die Gummibänder beiseite, die mich geschlossen halten und nimmt ein Geschenkteil nach dem anderen heraus. Den Kuschelbär an sich drückend freut er sich besonders über die schicke blaue Zahnbürste. Aber auch die Dinos haben es ihm, wie schon Robert, angetan.

Dann schaut er sich staunend und dankbar das Foto von Karin und Robert an. Vermutlich fragt er sich, was das wohl für Menschen sind, die ihm aus dem fernen Deutschland ein so tolles Weihnachtspräsent bereitet haben.

Die Betreuer von der Partnerorganisation sammeln Bilder ein, die die Kinder aus Dankbarkeit für ihre Beschenker selbst gemalt haben und nach Deutschland geschickt werden. Lukas zieht ein Bild mit einem bunten Tannenbaum hervor, der von einem großen gelbgoldenen Stern gekrönt wird.

Am Ende der Feier nimmt mich Lukas mit auf sein Zimmer und legt mich mit Inhalt auf seinen Nachtisch. Lange schaut er sich die einzelnen Geschenkteile an und streichelt über meinen Karton, bis eine Krankenschwester hereinkommt und ihn ermahnt endlich das Licht zu löschen.

Am nächsten Tag kommen seine Eltern und er präsentiert mich und alle seine Geschenke freudestrahlend. Sie kommen um ihn abzuholen und mit nach Hause zu nehmen. Als wir ihr kleines Haus betreten bekomme ich es mit der Angst zu tun.

Hier drinnen ist es schon sehr eng für die fünfköpfige Familie von Lukas. Im Wintermantel sitzen sie in ihrer Wohnung, weil sie nicht genug Geld haben um rund um die Uhr zu heizen. Ich bin mir sicher, hier ist kein Platz für mich und sie verbrennen mich in ihrem Holzofen.

Doch nichts dergleichen passiert. Lukas schiebt mich unter sein Bett. Von Zeit zu Zeit holt er mich wieder hervor, streichelt über meinen Deckel, schaut sich seine Schätze an, nimmt dann und wann etwas heraus, um mit seinen Geschwistern zu spielen oder fügt andere kleine Schätze hinzu. Ich bin seine Schatztruhe, sein liebstes Stück. Ein „Geschenk mit Herz“, an das er sein Herz verschenkt hat.