Geschenk mit Herz
Geschenk mit Herz

Niger: Weihnachten im Nirgendwo

von Simone Winneg/SRI, 07.12.2009
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Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Höchste Zeit also, die ersten Weihnachtspäckchen auch im Niger zu verteilen! Wir gehen auf große Reise: Die etwa 350 km von der humedica-Klinik entfernte Gemeinde Diagourou ist in diesem Jahr unser Ziel für die Verteilung unzähliger "Geschenke-mit-Herz".

Auch in diesem Jahr sind die schulpflichtigen Kinder unsere Hauptzielgrppe. Im Niger ist es nicht unbedingt die Regel, dass Kinder regelmäßig zur Schule gehen, viele schließen nicht einmal die Grundschule ab.

Rund 1200 Pakete konnte Simone Winneg mit ihrem Team im Niger verteilen. Foto: humedica

Besonders in ländlichen Gebieten, wo die Bevölkerung hauptsächlich von Viehzucht und Landwirtschaft lebt, werden die Kinder auf den Feldern gebraucht und gar nicht erst eingeschult. Viele fehlen tagelang in der Schule, weil eine Ziege verloren gegangen ist, die eingefangen werden muss.

Dazu kommt, dass die Schüler wirklich sehr schlechte Lernbedingung haben: hier sind die Schüler froh, wenn es einen Klassenraum gibt. Auf unserer zweitägigen Reise durch 14 Schulen bekommen wir allerhand zu sehen: Klassenzimmer, deren Dach nicht mehr da ist und keiner denkt daran, es neu zu decken.

Schulen, die aufgrund von Baufehlern komplett eingestürzt sind und die Steine einfach aufeinandergereiht mit ein bisschen Wellblech und Strohmatten den neuen Raum bilden; Klassenzimmer ohne Tische und Bänke; Schüler ohne Stifte und ohne Hefte, geschweige denn Bücher.

Aber dazwischen gibt es auch Lichtblicke: neu gebaute Schulen, toll ausgestattet mit Tafeln, Büchern, Tischen und Bänken; engagierte Lehrer und sogar ein Elternbeirat. Doch leider mangelt es vor allem den Schülern an passendenen Materialien.

Meistens benutzen sie alte Reissäcke als Schulranzen und alte, schmutzige Plastikflaschen als Trinkbehälter; die wenigsten haben einen Kugelschreiber, ein Heft habe ich in den 14 Schulen kein einziges Mal gesehen. Doch damit ist jetzt Schluss!

Geschenke, die auch nützlich sind

Dank "Geschenk mit Herz", der Weihnachtsaktion von humedica, Sternstunden e. V. und dem Bayerischen Rundfunk, haben wir hier im Niger wieder die Chance, Schulkindern ein Geschenk zu machen, das ihnen nicht nur eine große Freude bereitet, sondern auch noch nützlich ist.

Ein Schulranzen, ein Heft, eine Trinkflasche, ein roter und ein blauer Kugelschreiber und Buntstifte – ein Set, das in langen Stunden und mit drei freiwilligen Helfern eins nach dem anderen zusammengepackt wurde. Und so wurden 1200 Päckchen auf unseren kleinen LKW geladen und früh morgens ging es los Richtung Tera, der Hauptstadt des Bezirkes.

Drei Stunden Autofahrt und eine Nigerüberquerung mit der Fähre später sind wir angelangt und werden mit den Würdenträgern vertraut gemacht. Ein Gemeinderatsmitglied hat sich bereit erklärt, uns während der Verteilung zu unterstützen und hat alles gut vorbereitet.

Viele Kinder im Niger haben noch nie ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Foto: humedica

14 Schulen stehen auf unserer Liste, die wir heute und morgen besuchen dürfen. Unsere Reise führt in Dörfer mit Namen wie Tchero oder Tchewdibe; für meine Zunge eine Herausforderung, aber für die Pheul, die hier wohnen, der normale Name einer Ortschaft.

In den Schulen spielt sich in jeder Klasse das gleiche Schauspiel ab: Pastor Yacouba von unserer Partnerorganisation HOSANNA, der Gemeinderat, der Schuldirektor und ich gehen in die Klasse und höfliches „Guten Tag!“ schallt uns aus bis zu 40 Kinderkehlen entgegen. Mit großen, neugierigen Augen sehen sie uns, vor allem mich als Weiße an.

Das Interesse an der weißen Frau verschwindet allerdings recht schnell und die Augen der Kinder werden noch größer, als der Schuldirektor der Klasse erklärt, warum die Leute aus Deutschland gekommen sind: nämlich um Weihnachtsgeschenke zu verteilen.

Mit weit geöffneten Mündern sehen sie gespannt zu, wie der Direktor den Inhalt der Päckchen vorstellt. Kinder in den hinteren Reihen stehen auf, um besser sehen zu können, spitzen gespannt die Ohren und rufen ein kurzes „Hei“ (was so viel wie „Ja“ heißt) nach jedem Artikel, der aus dem Rucksack herausgezogen wird.

Die Kinder der ersten Reihe greifen nach den einzelnen Dingen, die abgestellt werden, um danach ein komplettes Set in Händen zu halten. Viele trauen ihren Augen nicht, und trauen sich nicht einmal die Rucksäcke aufzumachen. Sie drücken ihn nur fest an sich, um ihn nie wieder loslassen zu müssen.

Überall riesige Freude und unvergessliches Kinderlachen

Fast schon schüchtern sieht man sie ein paar Augenblicke später mit ihren Freunden reden, Inhalte auspacken, die Träger festmachen und die Stifte ausprobieren. Und dann weicht die Schüchternheit schlagartig: ein festes, glückliches „MERCI“ schallt durch den Raum und freudig lachende Kinderaugen begleiten uns hinaus.

Durch endloses Nichts fahren wir so von Dorf zu Dorf, gehen in die verschiedenen Klassenzimmer und jedes mal ist die Freude groß. Ich kann mich nur zu gut in die Kinder hineinversetzen, erinnere ich mich an die eigene Kindheit und die schöne, spannende Weihnachtszeit bei uns zu Hause.

Wir in Deutschland sind es gewöhnt, an Weihnachten Geschenke zu bekommen. Vielleicht erwarten wir die bunt verpackten, oft wertvollen Pakete sogar von unseren Freunden und unseren Familien. Für diese Kinder kommt der Geschenke-Segen aus heiterem Himmel, ohne geringste Erwartung.

Sie wissen zwar, dass Weihnachten ist, aber bekommen haben viele noch nie etwas. Die Freude der Kinder, die Hochachtung der Direktoren und der Dank der anwesenden Eltern und Gemeindevertreter zeigen uns, wie unschätzbar wertvoll diese Geste von "Geschenke mit Herz" ist.

Dabei kommt zum Ausdruck, dass wir nicht nur Weihnachtsgeschenke verteilen. Gleichzeitig zeigen wir den Eltern, wie wichtig es ist, ihre Kinder in die Schule zu schicken und darauf zu achten, dass sie regelmäßig hin gehen.

Sie sehen durch unsere Aktion, dass andere Menschen sich für die gute Ausbildung ihrer Sprösslinge interessieren und sie dabei unterstützen. Wir bringen nicht nur die Weihnachtsbotschaft in diese entlegenen Dörfer, sondern engagieren uns auch für eine nachhaltinge Erziehung.

Viele freiwillige Helfer - nicht nur in Deutschland

Freiwillige Helfer führen uns durch das nicht enden wollende Land, in dem man rechts, links hinter und vor sich nichts außer Wüste und Steppe sehen kann. Mal ein Baum, vielleicht ein Strauch, aber keine Menschenseele. Keine Straßen, keine Wegschilder.

Mit dem Motorrad fahren sie vor uns her, über Stock und Stein, führen uns über abgeerntete Felder, durch ausgetrocknete Flußbetten, warnen uns vor schwierigen Stellen, damit wir nicht im Sand stecken bleiben.

Sie helfen uns auf- und abladen, helfen uns austeilen, zählen und übersetzen unsere Ausführungen in die lokale Sprache. Ohne diese Menschen hätten wir unsere Aufgabe wahrscheinlich nicht so schnell und problemlos bewältigen können.

Der Weg aus der letzten der vierzehn Schulen fällt schwer. Die Verteilung in Diagourou endet nach zwei anstrengenden, aber wundervollen Tagen. Das Kinderlachen entschädigt mehr als ausreichend für all die Mühen, die wir unternommen haben: Vom Einkauf der Produkte, über das Packen der Rucksäcke, die Reise und die Verteilung.

Der Empfang in der gesamten Gemeinde war so herzlich, die Leute so freundlich und hilfsbereit, das Strahlen der Kinder so einnehmend und die Dankesrufe aus den Klassen klingeln mir immer noch in den Ohren. In Momenten wie diesem wünscht man sich sehr, dass an jedem Tag Weihnachten sein könnte.

Mein Dank gilt allen Freunden in Deutschland, die diese Verteilung mit all ihren wunderbaren Momenten hier im Niger möglich gemacht haben.

Ihre
Simone Winneg

"Offene Münder" und "unglaubiges Staunen" erlebte humedica-Koordinatorin Simone Winneg in 14 Schulen. Foto: humedica

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